AGNTCY: Der offene Standard für das Agentic Web (IoA)
Artificial Intelligence Romain ValentinDas Wichtigste im Überblick
- Dem Agentic Web (IoA, Internet of Agents / Internet der Agenten) fehlte bislang eine zentrale Infrastrukturebene. MCP standardisiert den Tool-Zugriff, A2A die Kommunikation zwischen Agenten und x402 den Zahlungsverkehr. AGNTCY ergänzt diese Standards um Auffindbarkeit, Identität, sicheren Transport und Observability.
- AGNTCY ist ein Standard, kein Produkt. Cisco startete das Open-Source-Projekt im März 2025 und übergab es im Juli 2025 an die Linux Foundation. Mehr als 75 Organisationen wirken inzwischen mit, darunter Dell, Google Cloud, Oracle und Red Hat.
- AGNTCY ersetzt MCP und A2A nicht, sondern verbindet sie. Das Projekt versteht sich als gemeinsame Infrastruktur, auf der bestehende Agentenprotokolle interoperabel, sicher und skalierbar zusammenarbeiten können.
- Interoperabilität allein reicht nicht aus. Verifizierbare Identitäten, signierte Verzeichnisse und End-to-End-Telemetrie schaffen wichtige Voraussetzungen. Entscheidend bleibt jedoch die operative Kontrolle über Agenten, ihre Aktivitäten, Kosten und Risiken.
In meinen beiden vorherigen Artikeln ging es um eine Agentenökonomie, die sich mit hoher Geschwindigkeit entwickelt. Zunächst um Tokenomics, also die wachsende Herausforderung, den explosionsartigen Verbrauch und die Kosten von Tokens zu steuern. Danach um Zahlungsinfrastrukturen wie x402, AP2 und ACP, die es autonomen Agenten ermöglichen sollen, Dienstleistungen abzurechnen.
Die zentrale Erkenntnis war in beiden Fällen dieselbe: Technische Fähigkeiten entwickeln sich schneller als die Fähigkeit, sie wirksam zu kontrollieren.
Ein Baustein fehlte in dieser Betrachtung jedoch noch. Bevor ein Agent einen externen Dienst beauftragen oder bezahlen kann, muss er ihn zunächst finden, dessen Identität prüfen, sicher mit ihm kommunizieren und seine Aktivitäten nachvollziehen können. Auffindbarkeit, Identität, Kommunikation und Observability bilden die unsichtbare Infrastruktur, ohne die eine Agentenökonomie aus voneinander isolierten Einzellösungen bestehen bleibt.
Genau hier setzt AGNTCY an.
AGNTCY (ausgesprochen wie „Agency“) ist ein Open-Source-Projekt für das Internet der Agenten. Es schafft eine offene Kooperationsebene, über die Agenten einander finden, identifizieren und zusammenarbeiten können – unabhängig davon, in welchem Framework sie entwickelt wurden, von welchem Anbieter sie stammen oder wo sie betrieben werden.
Cisco initiierte das Projekt, übergab es im Juli 2025 jedoch bewusst an die Linux Foundation. Das Ziel: AGNTCY soll für Agenten eine ähnliche Rolle einnehmen wie TCP/IP und HTTP für das Internet. Nicht als Anwendung oder proprietäre Plattform, sondern als offenes Fundament, auf dem unterschiedliche Lösungen aufbauen können.
Dieser Artikel richtet sich an alle, die agentenbasierte Systeme entwickeln, absichern und betreiben. Er erläutert das Fragmentierungsproblem, das AGNTCY adressiert, stellt die Architektur vor, ordnet das Projekt neben MCP, A2A und x402 ein und beleuchtet, weshalb AGNTCY zum Referenzstandard werden könnte – aber auch, was dem im Weg stehen kann.
Das Problem: Viele Agenten, wenig Zusammenarbeit
Der Markt für KI-Agenten ist heute stark fragmentiert. Anbieter entwickeln Agenten mit unterschiedlichen Frameworks wie LangGraph, LlamaIndex, CrewAI oder dem Google Agent Development Kit. Sie verwenden eigene Beschreibungsformate, Schnittstellen und Sicherheitsmodelle.
Das Ergebnis sind Silos.
Ein Agent, der in einem bestimmten Ökosystem entwickelt wurde, kann einen Agenten aus einem anderen Umfeld häufig weder zuverlässig finden noch verstehen, aufrufen oder ihm vertrauen. Mit der Zahl der Agenten wächst daher nicht automatisch ein Netzwerk. Stattdessen entsteht ein Mosaik aus isolierten Inseln.
Das Internet stand einst vor einer vergleichbaren Herausforderung. Proprietäre Netzwerke wie AOL oder CompuServe boten ihren Nutzern jeweils leistungsfähige, aber abgeschlossene Umgebungen. Der entscheidende Netzwerkeffekt entstand erst, als offene und neutrale Protokolle die Kommunikation zwischen beliebigen Rechnern ermöglichten.
AGNTCY basiert auf der Annahme, dass das Agentenökosystem heute an einem ähnlichen Punkt angekommen ist. Der größte Wert entsteht nicht durch einen einzelnen Super-Agenten, sondern durch ein interoperables Netzwerk, in dem viele spezialisierte Agenten sicher zusammenarbeiten können.
Auch MCP und A2A folgen dieser Logik. Das Model Context Protocol standardisiert den Zugriff von Agenten auf Tools und Daten. Agent2Agent definiert, wie Agenten miteinander kommunizieren und Aufgaben delegieren. AGNTCY positioniert sich nicht als Konkurrenz zu diesen Initiativen, sondern als Infrastruktur, die ihre Nutzung im großen Maßstab ermöglicht.
Was AGNTCY ist – und was nicht
AGNTCY ist weder ein kommerzielles Produkt noch eine proprietäre Plattform oder ein weiteres Framework zur Entwicklung von Agenten. Es ist ein Open-Source-Kollektiv aus Spezifikationen und wiederverwendbaren Komponenten, das Interoperabilität ermöglichen soll.
Die Entstehungsgeschichte unterstreicht diesen Anspruch. Cisco veröffentlichte AGNTCY im März 2025 über seinen Inkubator Outshift gemeinsam mit LangChain und Galileo. LangChain bringt Erfahrung in der Orchestrierung von Agenten ein, Galileo in deren Evaluierung und Observability.
Am 29. Juli 2025 wurde das Projekt an die Linux Foundation übergeben. Dieser Schritt ist zentral: Die Infrastruktur wird damit unter neutrale Governance gestellt und entzieht sich der Kontrolle eines einzelnen Technologieanbieters.
Die Strategie dahinter ist klar. Eine grundlegende Infrastruktur für das Internet der Agenten muss gemeinschaftlich getragen werden, wenn sie breite Akzeptanz erreichen soll.
Die Resonanz ist bereits sichtbar. Neben Cisco gehören Dell Technologies, Google Cloud, Oracle und Red Hat zu den Gründungsmitgliedern unter dem Dach der Linux Foundation. Inzwischen beteiligen sich mehr als 75 Organisationen am Projekt. Wenn Wettbewerber gemeinsam an einer offenen Infrastruktur arbeiten, ist das ein deutliches Signal: Das Thema entwickelt sich vom Experiment hin zu einem potenziellen Branchenstandard.
Die Architektur: Vier Funktionen, ein offener Stack
Die AGNTCY-Komponenten im Agentic-Web-Stack
AGNTCY gliedert seine Infrastruktur in vier grundlegende Funktionen:
- Erkennen
- Identifizieren
- Kommunizieren
- Überwachen
Für Architektinnen und Architekten ist diese Trennung entscheidend. Agenten müssen sich finden können, ihre Identität nachweisen, sicher kommunizieren und über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg beobachtbar bleiben.
Erkennen: OASF und Agent Directory
Zusammenarbeit beginnt mit Kontext. Ein Agent muss wissen, welche anderen Agenten existieren, welche Fähigkeiten sie besitzen, welche Schnittstellen sie anbieten und unter welchen Einschränkungen sie arbeiten.
Hierfür stellt AGNTCY zwei zentrale Komponenten bereit:
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Das Open Agentic Schema Framework, kurz OASF, ist ein erweiterbares Datenmodell zur maschinenlesbaren Beschreibung von Agenten. Es erfasst unter anderem Fähigkeiten, Schnittstellen, Abhängigkeiten und Grenzen eines Agenten.
OASF soll bestehende Beschreibungsformate nicht verdrängen. Es ist vielmehr darauf ausgelegt, Informationen aus A2A, MCP und weiteren Formaten aufzunehmen und integrierbar zu machen.
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Darauf baut der Agent Directory Service, ADS, auf. Dabei handelt es sich um ein föderiertes Verzeichnis, in dem Agenten und Multi-Agenten-Anwendungen veröffentlicht, geprüft und gefunden werden können.
Sicherheit ist dabei von Beginn an berücksichtigt. Das Verzeichnis basiert auf der Infrastruktur von OCI-Registern, wie sie auch für Container-Images eingesetzt wird. Einträge sind inhaltsbasiert adressiert und kryptografisch signiert. Dadurch werden Agenten nicht lediglich gelistet, sondern ihre Integrität und Herkunft können überprüft werden.
Das Verzeichnis ist zudem darauf ausgelegt, mit anderen Ansätzen für agentenweite Namensräume und Discovery zusammenzuarbeiten, beispielsweise mit dem NANDA-Index des MIT Media Lab. Das ist ein wichtiger Hinweis auf die Architekturphilosophie hinter AGNTCY: Interoperabilität soll über einzelne Ökosysteme hinausgehen.
Identifizieren: DID, Verifiable Credentials und „Agent Badges“
Die Identitätsebene ist strategisch besonders wichtig. Sie adressiert die Vertrauensfrage zwischen Agenten, die sich dynamisch finden und über Organisationsgrenzen hinweg interagieren.
AGNTCY setzt dafür auf etablierte offene Standards: Decentralized Identifiers (DID), des W3C sowie Verifiable Credentials (VC). Dabei handelt es sich um kryptografisch überprüfbare Nachweise, die fälschungssicher ausgestellt und validiert werden können.
Jeder Agent, MCP-Server oder Multi-Agenten-Verbund kann damit eine überprüfbare und portable Identität erhalten. Diese Identität ist nicht an eine bestimmte Plattform oder Hosting-Umgebung gebunden.
Ein zentrales Konzept sind die Agent Badges. Dabei handelt es sich um gekapselte Verifiable Credentials im JSON-LD-Format. Sie bestätigen eine präzise Definition eines Agenten auf Basis eines festgelegten Schemas, etwa einer OASF-Definition oder einer A2A-AgentCard.
Ein Agent kann mehrere Badges besitzen, beispielsweise für unterschiedliche Versionen oder Patches. Dadurch lässt sich nicht nur nachvollziehen, welcher Agent angesprochen wurde, sondern auch, welche konkrete Version ausgeführt wurde.
AGNTCY arbeitet in diesem Bereich unter anderem mit Akteuren wie Cisco Duo, Skyfire und Permit.io zusammen, etwa für Onboarding, Authentifizierung und Zugriffskontrolle.
Wichtig bleibt allerdings: Eine verifizierbare Identität garantiert kein korrektes oder vertrauenswürdiges Verhalten. Sie schafft Nachvollziehbarkeit und Zurechenbarkeit. Das ist unverzichtbar, aber allein noch keine ausreichende Sicherheitsgarantie.
Kommunizieren: SLIM als sichere Transportebene
Nachdem ein Agent gefunden und identifiziert wurde, muss die Kommunikation sicher, zuverlässig und effizient erfolgen.
Diese Aufgabe übernimmt SLIM (Secure Low-Latency Interactive Messaging). SLIM ist als Transportebene konzipiert, auf der Anwendungsprotokolle wie A2A, MCP oder ACP aufsetzen können.
SLIM unterstützt unter anderem:
- sicheres Routing
- Publish/Subscribe-Kommunikation
- Streaming
- Gruppen-Messaging
- Ende-zu-Ende-Verschlüsselung über Messaging Layer Security (MLS)
Zwei Eigenschaften sind besonders relevant.
- Erstens ist SLIM auf langfristige Sicherheit ausgelegt und soll quantensichere Verfahren unterstützen. Für eine Infrastruktur, die über viele Jahre hinweg Bestand haben soll, ist diese Perspektive bemerkenswert.
- Zweitens integriert SLIM das Prinzip Human-in-the-Loop. Menschliche Freigaben oder Prüfungen können damit gezielt in Interaktionen zwischen Agenten eingebunden werden. Das schafft eine wichtige Sicherheitsbarriere für kritische oder risikobehaftete Prozesse.
Die Trennung zwischen Transport und Semantik ist architektonisch sinnvoll: Protokolle wie A2A oder MCP definieren, was Agenten miteinander austauschen. SLIM stellt sicher, wie diese Informationen geschützt und effizient transportiert werden.
Überwachen & Evaluieren: Telemetrie und Kontrolle über komplexe Agenten-Workflows
Das ist die Komponente, die mir am meisten am Herzen liegt, und es ist kein Zufall, dass sie von Anfang an Teil der DNA des Projekts war – Galileo, Mitbegründer von AGNTCY, hat sich darauf spezialisiert.
Die Komponente Observability and Evaluation liefert Telemetrie-Kollektoren, SDKs und Dienste, um Multi-Agenten-Workflows über Frameworks, Anbieter und Ausführungsumgebungen hinweg zu überwachen und zu bewerten.
Dabei geht es um zwei Perspektiven.
Observability umfasst beispielsweise:
- Anfragen und Interaktionen
- Latenzen
- Token-Verbrauch
- Kosten
- Fehler und Ausfälle
Evaluierung betrachtet die Qualität des Verhaltens, etwa:
- Qualität der Antworten
- Halluzinationen
- Abweichungen von definierten Zielen
- Zuverlässigkeit in wiederkehrenden Abläufen
Diese Fähigkeit ist besonders wichtig, weil Agenten nicht nur Ausgaben erzeugen, sondern Entscheidungen vorbereiten oder selbstständig treffen. Ohne eine spezialisierte Überwachung lassen sich komplexe Agentensysteme weder sicher noch wirtschaftlich skalieren.
Ergänzt wird der Stack durch das Agent Connect Protocol, ACP. Es stellt eine standardisierte REST-API bereit, über die ein Agent unabhängig von seiner Implementierung aufgerufen und angesprochen werden kann.
Mit CoffeeAGNTCY veröffentlicht das Projekt zudem eine Referenzimplementierung. Sie zeigt, wie sich die Komponenten in einer praktischen Multi-Agenten-Anwendung kombinieren lassen.
Wie AGNTCY mit MCP, A2A und x402 zusammenarbeitet
MCP, A2A, Zahlungsprotokolle und AGNTCY werden gelegentlich als konkurrierende Standards betrachtet. Das greift zu kurz. Ihre Funktionen ergänzen sich.
Der komplette Stack: MCP, A2A, Zahlung und AGNTCY
MCP regelt vor allem, wie Agenten auf Tools, Datenquellen und externe Systeme zugreifen. A2A definiert die Kommunikation zwischen Agenten und die Delegation von Aufgaben. Zahlungsprotokolle wie x402, AP2 oder ACP ermöglichen die wirtschaftliche Abwicklung von Leistungen zwischen autonomen Akteuren.
AGNTCY bildet die Infrastruktur, die diese Ebenen zusammenführt.
- OASF und Agent Directory machen A2A-Agenten und MCP-Server auffindbar
- Das Identity Framework liefert die Vertrauens- und Nachweisbasis
- SLIM schafft einen sicheren Transportweg für Nachrichten und Interaktionen
- Observability und Evaluierung sorgen für Transparenz über den gesamten Ablauf
AGNTCY ist ausdrücklich mit MCP und A2A kompatibel. Agenten und MCP-Server können über die Verzeichnisse sichtbar gemacht, durch SDKs instrumentiert und über SLIM transportiert werden.
Auch bei Zahlungen wird der Zusammenhang deutlich. Bevor ein Agent einen anderen Agenten für eine Leistung bezahlt, muss er wissen, wen er beauftragt, ob dessen Identität überprüfbar ist, wie die Kommunikation abgesichert wird und ob der Prozess überwacht werden kann.
Zahlungsfähigkeit ohne Auffindbarkeit, Identität und Observability wäre blindes Vertrauen. AGNTCY schafft die vorgelagerten Voraussetzungen, um dieses Risiko deutlich zu reduzieren.
Warum AGNTCY zum Standard werden könnte
Drei Faktoren sprechen dafür, dass AGNTCY sich als Referenzebene etablieren könnte.
1. Neutrale Governance
Offene Standards setzen sich langfristig meist dann durch, wenn sie nicht unter der exklusiven Kontrolle eines einzelnen Unternehmens stehen. Die Übergabe an die Linux Foundation ist deshalb ein strategisch wichtiger Schritt.
Die Linux Foundation ist die Heimat etablierter Open-Source-Projekte wie Linux, Kubernetes und PyTorch. Auch A2A wird unter ihrem Dach weiterentwickelt. Dadurch entsteht ein glaubwürdiger Schwerpunkt für offene Agenteninfrastruktur.
2. Breite Koalition
Ein Standard gewinnt nicht durch seine Spezifikation, sondern durch seine Umsetzung. Die Beteiligung von Infrastruktur- und Plattformanbietern wie Dell, Google Cloud, Oracle und Red Hat schafft die Grundlage für einen relevanten Netzwerkeffekt.
Hinzu kommen spezialisierte Partner aus Orchestrierung, Evaluierung und Identity. Diese Vielfalt erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass AGNTCY nicht nur konzeptionell bleibt, sondern in reale Produkte und Plattformen integriert wird.
3. Bewusste Komplementarität
AGNTCY versucht nicht, den nächsten Protokollkrieg zu gewinnen. Das Projekt ergänzt MCP, A2A und weitere Initiativen, statt sie ersetzen zu wollen.
Diese Rolle ist weniger spektakulär, aber strategisch stark. Infrastruktur, die unterschiedlichen Protokollen zum Erfolg verhilft, kann langfristig stabiler sein als ein einzelnes Protokoll, das gegen alle Alternativen antreten muss.
Was AGNTCY auf dem Weg zum Standard im Weg stehen könnte
Trotz des Potenzials ist Vorsicht angebracht.
Die Standardisierung für Agentensysteme ist noch offen und umkämpft. Neben AGNTCY gibt es weitere Ansätze, darunter NANDA am MIT Media Lab, Initiativen großer Modellanbieter sowie kryptografische und On-Chain-basierte Konzepte.
Eine vollständige Konvergenz ist nicht absehbar. Mehrere Standards und Ebenen könnten über längere Zeit parallel bestehen.
Auch technologisch befindet sich vieles noch in einer frühen Reifephase. Signierte Verzeichnisse, portable Reputation und dezentrale Identitäten sind aktive Entwicklungsfelder. Sie haben sich noch nicht in großem Maßstab im Unternehmensalltag bewährt.
Am wichtigsten ist jedoch die Akzeptanz durch Entwicklerinnen und Entwickler. Sie wird sich nicht an Ankündigungen, Mitgliedschaften oder Konzeptpapieren messen lassen, sondern an konkreten Implementierungen, stabilen SDKs, Integrationstiefe und betrieblichem Nutzen.
Und schließlich gilt: Ein offener Standard löst das Interoperabilitätsproblem, aber nicht automatisch das Kontrollproblem. Dass ein Agent einen anderen finden und ansprechen kann, sagt noch nichts darüber aus, ob sein Verhalten im laufenden Betrieb sicher, wirtschaftlich und regelkonform bleibt.
Das entscheidende Unterscheidungsmerkmal: Operative Steuerung
Hier schließt sich der Kreis zu meinen vorherigen Artikeln.
Interoperabilität ist notwendig, um eine Agentenökonomie aufzubauen. Sie ist aber nicht ausreichend, um sie sicher zu betreiben.
Wenn Agenten sich über das Internet hinweg finden, identifizieren, kommunizieren und Zahlungen auslösen können, verändert sich die entscheidende Frage. Sie lautet dann nicht mehr, ob Zusammenarbeit technisch möglich ist, sondern ob Organisationen jederzeit nachvollziehen können:
- Was macht jeder Agent?
- Mit welchen anderen Agenten kommuniziert er?
- Auf welche Daten, Tools und Dienste greift er zu?
- Welche Kosten verursacht er?
- Welche Entscheidungen trifft oder beeinflusst er?
- Wo entstehen Risiken, Abweichungen oder Sicherheitsverstöße?
Der Kontrollturm: Von der Interoperabilität zur Beherrschung
Genau hier liegt der Fokus von Splunk.
Die Observability von Agenten ist bereits Teil der DNA von AGNTCY. Splunk Agent Observability, das aus der Übernahme von Galileo hervorgegangen ist, schafft einen zentralen Überblick über Agenteninteraktionen, Latenzen, ein- und ausgehende Tokens sowie Kosten. Diese Daten lassen sich mit der Qualität der Ergebnisse korrelieren.
Ein offener Standard wie AGNTCY und eine Observability-Plattform stehen dabei nicht im Widerspruch. Sie erfüllen unterschiedliche, aber komplementäre Aufgaben.
AGNTCY sorgt dafür, dass Telemetrie unabhängig vom Framework eines Agenten interoperabel erzeugt werden kann. Eine Observability-Plattform übersetzt diese Daten in einen zentralen Kontrollplan: mit Budgets, Circuit Breakern, Anomalieerkennung und Kosten-Nutzen-Analysen.
Derselbe Gedanke prägt Argos AI, die Splunk-Anwendung für Agent Governance: Agentenaktivitäten sollen nachvollziehbar, budgetiert und überprüfbar bleiben.
AGNTCY beantwortet damit die Frage, wie Agenten zusammenarbeiten können. Organisationen müssen zusätzlich beantworten, wie sie dabei die Kontrolle behalten.
In der Praxis: Was technische Entscheider jetzt tun sollten
Für Unternehmen, die heute Multi-Agenten-Systeme entwickeln oder planen, lassen sich daraus fünf konkrete Grundsätze ableiten.
1. In offenen Ebenen denken
Auffindbarkeit, Identität, Transport und Observability sollten als eigenständige, standardisierte Ebenen geplant werden. Diese Fähigkeiten sollten nicht als schwer integrierbare Einzellogik in jedem Agenten verborgen sein.
2. Interoperabilität vor Anbieterbindung priorisieren
Offene Standards unter neutraler Governance wie AGNTCY, A2A und MCP reduzieren langfristig Abhängigkeiten. Proprietäre Formate können kurzfristig sinnvoll sein, sollten aber nicht die einzige Grundlage einer Agentenarchitektur bilden.
3. Observability ab dem ersten Agenten einplanen
Überwachung darf nicht erst dann beginnen, wenn Agenten bereits geschäftskritische Prozesse steuern. Telemetrie, Kostenkontrolle, Qualitätsmetriken und Auditierbarkeit müssen von Beginn an Teil des Designs sein.
4. Identität und Vertrauen früh aufbauen
Sobald Agenten Organisationsgrenzen überschreiten, wird verifizierbare Identität unverzichtbar. DID und Verifiable Credentials bieten eine Grundlage, auf der sich Berechtigungen, Herkunft und Verantwortlichkeiten nachvollziehbar abbilden lassen.
5. Harte Grenzen definieren
Standards ersetzen keine Governance. Budgets, Berechtigungsgrenzen, Sicherheitsmechanismen, Circuit Breaker und menschliche Freigaben bleiben essenziell – insbesondere bei sensiblen Daten, externen Aktionen und finanziellen Transaktionen.
Fazit
Das Internet wurde durch offene Protokolle geprägt, die keinem einzelnen Unternehmen gehörten: HTTP für die Übertragung, HTTPS für Sicherheit und DNS für Namensauflösung.
Das Internet der Agenten steht möglicherweise vor einem ähnlichen Gründungsmoment.
AGNTCY will die Infrastrukturebene schaffen, auf der Agenten einander finden, ihre Identität nachweisen, sicher kommunizieren und beobachtbar bleiben können – unabhängig davon, wer sie entwickelt hat oder auf welcher Plattform sie laufen.
Die Übergabe an die Linux Foundation, die breite Unterstützerbasis und die bewusste Komplementarität zu MCP und A2A machen AGNTCY zu einem glaubwürdigen Kandidaten für einen zentralen offenen Standard.
Doch die wichtigste Erkenntnis bleibt unverändert.
Tokenomics zeigt, dass die Fähigkeit zum Konsum schneller wächst als die Fähigkeit, Kosten zu kontrollieren. Die Agentenökonomie zeigt, dass Zahlungsfähigkeit schneller wächst als die Fähigkeit, Entscheidungen zu steuern. Das Internet der Agenten ergänzt eine dritte Dimension: Interoperabilität wächst schneller als die Fähigkeit zur Überwachung.
AGNTCY kann eine tragende Säule dieser neuen Infrastruktur werden. Es entbindet Organisationen jedoch nicht von der entscheidenden Betriebsfrage:
Wissen wir jederzeit, was unsere Agenten tun – und welchen geschäftlichen, finanziellen und sicherheitsrelevanten Wert ihre Aktivitäten haben?
Im Zeitalter autonomer Agenten werden nicht die Unternehmen erfolgreich sein, die die meisten Standards übernehmen. Erfolgreich werden diejenigen sein, die Interoperabilität in Kontrolle übersetzen können.
Weiterführende Informationen:
- Website des AGNTCY-Projekts
- Technische Dokumentation
- Ankündigung der Übergabe an die Linux Foundation
- Code auf GitHub
- NANDA-Index des MIT Media Lab
- Splunk Agent Observability
- Lest außerdem auch meine beiden vorherigen Artikel über Tokenomics und die KI-Agenten-Ökonomie.
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